Digitale Gemeinde

Andacht zum 26.03.2020 – Digitale Gemeinde, Folge 4

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

Ich freue mich, dass ihr euch ein paar Minuten Zeit nehmt, um diese Andacht zum digitalen Gemeindeabend zu lesen und mit mir zusammen ein paar Gedanken nachzuhängen! Auch ich komme nicht umhin, die Coronakrise zu erwähnen – häufig bestimmt sie zurzeit unser alltägliches Leben. So sitze ich z.B. gerade nicht in Leipzig und schreibe diesen Text, sondern ich habe mich für die kommenden Wochen bei meinem Freund in Kamenz einquartiert. Sicher werdet auch ihr das herrliche Wetter der letzten Tage bemerkt und vielleicht auch genutzt haben. Wir beide machen jeden Tag einen kleinen Spaziergang, das lässt sich hier gut machen: schnell ist man aus der Stadt auf dem Feld und hat von der hügeligen Umgebung einen wunderschönen Blick auf den glasklaren Himmel und sattgrüne Felder. Solch ein Anblick bot sich uns auch gestern:

Warum aber erzähle ich euch das überhaupt? Nun, auf diesem Spaziergang begegneten wir nicht nur der schönen Landschaft, sondern auch einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte: Unser Spaziergang führte uns durch das Kamenzer Herrental. Dort kann man heute ein Denkmal besichtigen. Denn an diesem Ort richtete die SS in einer stillgelegten Tuchfabrik im November 1944 ein Außenlager des KZ Groß-Rosen ein. In diesem Außenlager mussten KZ-Häftlinge, u.a. französische Restistance-Kämpfer oder Kriegsgefangene, unter widrigsten Bedingungen Zwangsarbeit verrichten und Flugzeugmotoren produzieren. Mindestens 182 Häftlinge fielen dieser „Vernichtung durch Arbeit“ in Kamenz zum Opfer. Seit 2011 ist die ehemalige Außenstelle eine Gedenkstätte und noch immer mahnt der hohe Schornstein die dort begangenen Verbrechen.

Hinein in die traurige und bedrückende Atmosphäre fällt aber ein Zitat, das erst gar nicht so recht in diese Stimmung passen möchte. Tritt man an das Denkmal heran, begegnet einem folgende Gedenktafel:

Pavel Stránský, der diese Worte sagte, ist in seinem Schicksal eng mit dem Holocaust verbunden und hat eine wahre Odyssee des Grauens in seinem Leben erfahren. 1921 wurde er in Prag geboren, absolvierte einen Schnellkurs zum Volksschullehrer und wurde 1941 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort heiratete er seine Lebensgefährtin Véra. 1943 folgte die Deportation nach Auschwitz-Birkenau mit Frau und Schwiegermutter. Hier wurde er Betreuer im Kinderblock. Nach Selektion und Trennung von Véra folgte die Überstellung zur Zwangsarbeit ins KZ Schwarzheide 1944. Er überstand vom 18. April bis 8. Mai 1945 den Todesmarsch zurück nach Theresienstadt. Im Juli desselben Jahres gelang das Wiedersehen mit seiner Frau. Bis zu seinem Tod 2015 war er als Reiseführer in Theresienstadt und Lidice tätig.

Als ich zu diesem Zitat die Lebensgeschichte des Sprechers las, war ich tief berührt. Dieser Mann hatte Schlimmeres erfahren, als wir uns es vielleicht vorstellen können, ein unfassbares und unsagbares Leid. Und trotzdem – sogar in diesem Elend gelang es ihm noch, Liebe zu finden, zu heiraten. Stránský sagt in einem Interview, dass er lange nicht über das reden konnte, was er im Ghetto oder im KZ erlebt hat. Doch nach Jahrzehnten findet er seine Stimme wieder, und dann sagt er Sätze wie „Das wichtigste im Leben ist die Liebe“. Es scheint so, dass gerade vor dem Hintergrund des Elends, des Bösen und Schlimmen in dieser Welt, das Licht der Liebe am hellsten scheint.

Erstaunlich finde ich ebenfalls, dass Stránský von der Liebe zu Gott spricht. Viele Holocaust-Überlebende zürnten ihrem Gott oder verloren ganz ihren Glauben – etwas, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Pavel Stránský aber fand einen Sinn in der Zuwendung zu anderen – und zu Gott. Dabei kommt mir ein Bibelvers in den Sinn:

„Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Johannes, 4:16).

Das gibt Hoffnung, dass hinter allem Schlimmen, das in der Welt passiert ist, und das auch heute noch passiert, doch ein Sinn steckt. Und dass sich Ungerechtigkeit, Unfriede, Hass und Neid durch Toleranz, Verständnis, Freundschaft überwinden lassen.

Lasst auch uns täglich die Liebe in all ihren Facetten suchen und finden.

Eure Lea

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